Mit Videografie im Praxissemester und in der Lehramtsausbildung forschend lernen

Ob man den Einsatz von Fremd- oder Eigen-Videos präferiert, ob man die Analyse- oder Reflexionskompetenz im Fokus hat, die Videografie bietet die Chance, die eigene Berufsidentität zu festigen bzw. zu entwickeln und professionelle Handlungsoptionen zu gewinnen.

„Was ich da mit den Händen mache, das ist ja wirklich spannend … das ist mir noch gar nicht aufgefallen … das merkt man gar nicht …das ist irgendwie eine Macke … .“
„Und am Anfang war ich, wenn ich mir die Videos angeguckt habe, mehr darauf konzentriert, wie ich mich verhalte. Da kamen dann Kleinigkeiten zum Vorschein wie, dass ich mit den Armen fuchtele, ich ständig hin und her laufe. Also oberflächliche Dinge, die jetzt nichts mit dem Unterricht selbst zu tun hatten. Und hinterher ging es dann immer weiter, dass ich auch immer mehr die Schüler in Gruppen- oder Freiarbeitsphasen beobachten konnte und daraus dann wieder Schlüsse ziehen konnte. Und ich konnte mich selbst auch bei Arbeitsaufträgen beobachten, ob ich sie zum Beispiel aus Schülersicht wirklich so verstanden hätte. Also, wirklich einmal aus einer objektiven Perspektive.“ (Zitate aus Dorlöchter/Wiebusch, unveröffentlicht)
„Aber am meisten lerne ich da über mich selbst.“ (Frevel 2013)

Die Zitate weisen auf die Fragestellungen hin, mit denen sich Novizen im Lehrberuf angesichts eines eigenen oder auch fremden Videos beschäftigen: Das bin ich?! Was ist das für ein merkwürdiges Verhalten, was treibt mich/die Lehrkraft an? Wie sollte ich/die Lehrkraft anders handeln, kann ich/sie das überhaupt? Handle ich so, wie ich bin? Wie wirke ich auf Andere? Ist das, in dieser Situation, auch so meine Absicht (gewesen)? Welche Veränderungsprozesse habe ich erlebt?
In der Gesamtsicht haben die Interviewten versucht, aus der Retrospektive reflektierend zu lernen.

Untersuchungen zeigen: Der Vorzug eines Videos in der Lehrerbildung liegt darin, dass das Geschehen, selbst wenn man als Akteur im Bild zu sehen ist, distanziert betrachtet und damit entlastet von einer Handlungsnotwendigkeit analysiert werden kann. Videovignetten machen Unterrichtsprozesse in ihrer Komplexität und Variabilität sichtbar, machen flüchtige Praxissituationen der unmittelbaren oder zeitlich versetzten, durch Pausen verlangsamten und durch Kommentare strukturierten Betrachtung zugänglich (Reusser 2005). Nicolas/Herzig (2013) halten es für möglich, dass der individuelle Aufbau von Situations- und Handlungsprototypen sowie das Entwickeln von Handlungsalternativen gelingen könnte, wenn das implizite Wissen von im Video beobachteten Lehrpersonen als explizite Zuschreibungen formuliert und mit eigenen Vorstellungen sowie mit Theorieansätzen konfrontiert wird.
Fragen an die Praxis lauten deshalb: Wie kann ich ein fremdes Video forschend nutzen, um über mein eigenes Verständnis der Initiierung von Lernprozessen, evtl. auch im Diskurs mit anderen, nachzudenken? Wie können fremde Videos dazu beitragen, meine Eignung für den Lehrberuf zu überprüfen? Und kann der Blick in den Video-Spiegel Unsichtbares sichtbar machen (Dorlöchter/Krüger/Stiller/Wiebusch 2013), um intensiver mein „eigenes professionelles Selbstkonzept zu entwickeln“ (Lehramtszugangsverordnung [LZV NRW], 18.06.2009)? Wie kann ich mit Hilfe eines fremden oder eigenen Videos mein Wissen so für den Theorie-Praxis-Transfer aktivieren, dass ich immer wieder, auch unter Druck, das tue, was ich weiß (Wahl 2013 a, S. 9 ff)?