An/Mit einem Fremd-Video forschend lernen

Unterrichtsanalyse

Vorbemerkungen: A. Helmke (2014 b) aktualisiert ständig im Internet eine Zusammenstellung zu erhältlichen, unterrichtsrelevanten Videos. Der videografierte Unterricht dient nicht dazu, die Lehrperson zu beurteilen, sondern, wie Reusser (2005) ausführt, über das im Film zu beobachtende, spezifische Lehrerverhalten, dessen kontextuelle Bedingtheit und dessen Ein-Wirken auf Lernprozesse kritisch-analytisch, vor allem aber respektvoll nachzudenken.
Dies gelingt umso besser, je mehr Daten zum Unterrichtsgeschehen neben den Videosequenzen zur Verfügung stehen. Multimediale Unterrichtsdokumente, wie z. B. die Hannoveraner Unterrichtsbilder (www.hanub.de [Zugriff 12/2015]), bieten den Vorteil, die Ziele sowie die Planung des Unterrichts aus dem Unterrichts-Entwurf entnehmen, den Unterricht per Video und Transkript verfolgen, den Lernerfolg an den Aufgabenstellungen sowie den Schülerprodukten einschätzen, Abweichungen von der Planung, also situatives Unterrichten, nachvollziehen zu können (Mühlhausen/Rust 2013). Auf der Grundlage dieses Materialpools lässt sich Unterricht nachspüren und durch Erforschen der situativen Bedingungen für die jeweiligen Unterrichtsentscheidungen eigene Handlungsmöglichkeiten generieren, in Alternativen denken.
Helmke et al (2014 a) bieten z. Zt. zwei Unterrichtsvideos (http://www.unterrichtsdiagnostik.de [Zugriff 12.2015]) an, zu denen neben einer kurzen Beschreibung der Stunde jeweils ein kriterienorientiertes Feedback in Form einer Triangulation zur Verfügung steht. D. h., der eigene, an denselben Kriterien ausgerichtete Blick auf den videobasierten Unterricht kann mit der Item gestützten Beschreibung des Unterrichtenden, einer im Unterricht hospitierenden Lehrkraft sowie der Lernenden gepaart werden; so ist der kritische Dialog über den Unterricht eröffnet, was Reflexionen über die eigene Sichtweise impliziert. Das von Helmke vorgelegte Fragebogen-Material kann natürlich auch für die Erforschung des eigenen Unterrichts (mit und ohne Video) nutzbringend eingesetzt werden.
Um den Perspektivwechsel zu verstärken und damit die Reflexionstiefe zu steigern, empfehlen Falke/Zschweigert (2013) die Integration des Videos (sowohl mit Fremd- als auch Eigen-Videos möglich) in das strukturierte Kreisgespräch einer professionellen Lerngemeinschaft. Die vorgegebene Gesprächsstruktur und Kriterienvielfalt fördern den Dialog von Auszubildenden und bewirken über die vielfältigen Diskrepanzerfahrungen intensives Lernen im Sinne eines reflexiven Sich-Befragens.
Widorski/Salzmann/Bauder/Heinzer/Oser (2012) beschreiben die stellvertretende Art der Kompetenzmessung, “Advokatorisches Messver-fahren” (S. 54 f.) genannt, und damit einen besonderen Weg der reflexiven Auseinandersetzung mit einem Fremd-Video: der Auszubildende beobachtet den Unterricht einer Lehrkraft im Video, schätzt ihn mit Hilfe von Qualitätskriterien ein und vergleicht seine mit der Einschätzung von Fachleuten. Das vorhandene Wissen bzw. die Kompetenz wird durch die Tiefe der eigenen Argumentation entlang der Qualitätskriterien sowie der Argumentation der Fachleute aufgezeigt.

Eignungsanalyse
16 verschiedene Video-Sequenzen bilden den Mittelpunkt des Online-Portals SeLF (Selbsterkundung zum Lehrerberuf mit Filmimpulsen; http://www.self.mzl.lmu.de [Zugriff 12.2015]). Sie spiegeln ein umfassendes Spektrum der berufsbezogenen Anforderungen an Lehrkräfte wider. Studierende können die Videosequenzen nach Interesse auswählen, nehmen anschließend zu drei themenbezogenen Fragen Stellung, erhalten ein Feedback bzw. können ihre Selbstreflexion dokumentieren; dies soll das Nachdenken über die Eignung auslösen und eine Beratung vorbereiten. Die Autoren sehen in diesem Angebot zusätzlich die Chance, eine mehrdimensionale Auseinandersetzung mit den eigenen Vorstellungen und Motiven zu initiieren (Krische/Kahlert 2015). In den Ausbildungsprozess integriert, forcieren die videobasierte Anschaulichkeit sowie die angestoßene und rückgekoppelte Positionierung das Formulieren von Entwicklungsaufgaben (z. B. Umgang mit Störungen, Zeitmanagement einer Lehrkraft, Funktion von Schule), woraus sich dann wiederum videobasierte Selbsterforschungsaufträge ableiten lassen.